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Klassische Musik und Oper von Classissima

Tabea Zimmermann

Montag 22. Mai 2017


Crescendo

15. Mai

Igor und die Kugelgestalt der Zeit

CrescendoDer gerne als “Modernsky” verunglimpfte Strawinsky war vielleicht doch mehr “Modernsky” als wir alle ahnen. Gerade eben dirigierte ich Strawinskys “Pulcinella”, das gemeinhin als sein Schlüsselwerk zum “Neoklassizismus” gilt. Natürlich beschäftigt man sich dann etwas ausführlicher mit der Musik, und macht die eine oder andere erstaunliche Entdeckung. Hören sie einmal hier . “Pulcinella” ist sicherlich eines der populäreren Werke von Strawinsky, gilt aber in der ästhetischen Rezeption vermutlich als eher harmloses und “nettes” Werk. Man hat das Stück irgendwie unter “Neoklassizismus” eingeordnet, für Hardliner ohnehin nichts weiter als eine ästhetische Verirrung. Aber wie “neoklassizistisch” ist das Werk tatsächlich? “Neoklassisch” schon Mal nicht, dazu ist es viel zu einfallsreich und wild. Die Eisberge brauchen sich also nicht zu fürchten. Auftraggeber Diaghilew hatte eigentlich eine reine Bearbeitung von Pergolesi-Material bestellt (damals übrigens auch eine sehr moderne Idee) und war sichtlich überrascht, dass Strawinsky aus lauter Freude an dieser Aufgabe etwas ganz Neues und Eigenes schuf. In vielerlei Weise ging Igor frech über die Anforderungen des Auftrags hinaus, weil er etwas Neuem auf der Spur war. Vergleicht man die berühmte “Ouvertüre” von “Pulcinella” mit der Vorlage von Pergolesi , so wird man feststellen, dass Strawinsky sich als Bearbeiter hier noch sehr zurückgehalten hat und eng am Original arbeitet, sieht man von einigen Fortissimo-Schroffheiten und einer seltsamen nach amerikanischer “Country-Musik” Stelle ab (Minute 0:47). Aber halt: was hat Country-Musik im Neoklassizismus zu suchen? Genau hier liegt vielleicht der Schlüssel zu einem neuen Verständnis der ästhetischen Bedeutung von “Pulcinella”. Auf den ersten Blick dominiert in “Pulcinella” tatsächlich ein bewusst “klassischer” Ton. Es gibt Passagen, die nach reinem Mozart klingen, auch von der Instrumentation her (auch dies schon ein Zeitsprung von knapp 50 Jahren von Pergolesi aus). In zunehmenden Stückverlauf tauchen aber immer mehr bewusst spielerisch eingesetzte Verfremdungen auf, die gar nicht in dieses klassische Muster passen. Hierbei handelt es sich einerseits um “Strawinskyismen”, typische rhythmische Motive, die z.B. an “Petruschka” gemahnen (Minute 9:05) andererseits aber eben auch um bewusst eingesetzte stilistische Anverwandlungen von großer Fremdheit. Man höre sich zum Beispiel diese Passage (Minute 21:37) an, ohne an spanischen Flamenco zu denken. Oder auch diese (Minute 21:14), in der Stravinsky in gewisser Weise die amerikanische “Western”-Ästhetik eines Aaron Copland vorwegnimmt oder auch direkt inspiriert. Überhaupt hat man bei detailliertem Hören bei “Pulcinella” zunehmend das Gefühl, dass hier – quasi fast ein halbes Jahrhundert zu früh – die radikale Idee von einem umfassenden und vor allem unverkrampft spielerischen “Zusammenklingen” extrem heterogener musikalischer Stile und Sprachen realisiert wurde, wie sie eigentlich erst später wieder vom großen Bernd Alois Zimmermann als Idee von der “Kugelgestalt der Zeit” gedacht wurde. Dass das auch bei Strawinsky nicht ohne interessante Reibungen und Härten geschieht, zeigt diese schöne Passage (Minute 20:20), in der sich quasi die Musikgeschichte polytonal zusammenballt, um sich in einem brillianten “Rausschmeißer”-Schluss zu entladen. “Das ist ja der kleine Modernsky! Hat sich ein Bubikopf schneiden lassen; sieht ganz gut aus! Wie echt falsches Haar! Wie eine Perücke! Ganz (wie sich ihn der kleine Modernsky vorstellt), ganz der Papa Bach!” schrieb weiland Schönberg über seinen Konkurrenten. Aber Strawinskys Frisur ist tatsächlich ziemlich cool. Ich würde sie fast atopisch nennen. Moritz Eggert

ouverture

7. Mai

Hornmusik - Peter Damm (Berlin Classics)

Mit einer CD-Box erinnert Berlin Classics an Peter Damm, einen der bedeutenden Hornisten des 20. Jahr- hunderts. Er feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag – und auch wenn er sich vor zehn Jahren vom Konzertpodium verabschiedet hat, sind seine Schallplatten immer noch ausgesprochen hörenswert. Das liegt zum einen daran, dass Peter Damm sein Horn stets mit einem unver- wechselbaren, schlanken Ton singen ließ; sein Spiel war nuancenreich und brillant.  Während seiner jahrzehntelangen Laufbahn hatte der Musiker zahlreiche hervorragende Partner an seiner Seite. Auch davon gibt diese Box Zeugnis. An den Aufnahmen beteiligt waren Dirigenten wie Herbert Kegel oder Franz Konwitschny, Orchester wie das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatskapelle Dresden oder die Dresdner Philharmonie, Pianisten wie Peter Rösel und Amadeus Webersinke, der Organist Hansjürgen Scholze, und etliche weitere Musikerkollegen.  Außerdem hat sich Peter Damm mit großer Neugier und Experimentier- freude ein umfangreiches Repertoire erschlossen, das vom Barock bis zur Gegenwart reichte. Er gehörte zu den ersten Hornisten, die in der Lage waren, Werke in der extrem hohen Clarinlage wieder aufzuführen. Er spielte aber auch zahlreiche Uraufführungen von Musikstücken, die Komponisten eigens für ihn geschrieben haben.  Auf den sechs CD in dieser Box macht Berlin Classics wichtige Schall- plattenaufnahmen mit dem Hornisten wieder zugänglich. Zu hören sind beispielsweise Mozarts Hornquintett, Sonaten für Horn und Klavier von Ludwig van Beethoven und von Siegfried Köhler, Musik für Horn und Klavier von Gioachino Rossini sowie von französischen Komponisten, das Konzertstück für vier Hörner und Orchester F-Dur von Robert Schumann, die beiden Hornkonzerte von Richard Strauss, ein Hornkonzert von Sieg- fried Kurz, das dieser auch selbst dirigierte, oder die Neuen Divertimenti nach Rameau von Udo Zimmermann, ebenfalls dirigiert vom Komponisten. Ergänzt wird die umfangreiche Kollektion durch Hornkonzerte vom sächsi- schen Hof, eingespielt 1987 von Peter Damm gemeinsam mit seinem Hornistenkollegen Dieter Pansa und der Cappella Sagittariana unter Eduard Melkus, sowie durch Musik für Horn und Orgel, die in der Hofkirche zu Dresden aufgenommen worden ist.  Peter Damm, geboren 1937 in Meiningen, wurde bereits mit 22 Jahren Solohornist des Gewandhausorchesters Leipzig. 1969 wurde Damm zum Solohornisten der Staatskapelle Dresden berufen. In dieser Position wirkte der Musiker an über hundert Studioaufnahmen mit, unter Dirigenten wie Herbert von Karajan, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink und Giuseppe Sinopoli. Er unterrichtete zudem als Professor an der Dresdner Musikhoch- schule, sowie in Meisterkursen und Workshops. Mit seinem kantablen Hornspiel stellte sich Damm ganz in die Dresdner Tradition und prägte das noble Spiel der Dresdner Bläser fast vierzig Jahre lang. 






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